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IRAN - POLICY PAPER

Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB) Dezember 2014

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Heiliger Krieg. Globaler Terrorismus als politisches Instrument der Islamischen Republik Iran

 

Zusammenfassung: Viele sehen die Islamische Republik Iran mittlerweile als Partner im Mittleren Osten, vor allem im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Das iranische Regime ist jedoch nach wie vor der wichtigste Unterstützer des internationalen islamistischen Terrorismus und es gibt keine Anzeichen für einen Politikwechsel auf diesem Gebiet. Ein Ausweg kann nur in der Zusammenarbeit mit allen moderaten Kräften im Mittleren Osten unter Einschluss der syrischen und iranischen Opposition gegen sunnitische und schiitische Extremisten bestehen.

Mit der „Islamischen Republik“ gegen den „Islamischen Staat“?


Spätestens seit dem Vormarsch des IS im Irak im Sommer 2014 wird die Islamische Republik Iran in westlichen politischen und publizistischen Kreisen als ein Staat gehandelt, der „unverzichtbar für politische Lösungen“ in der Region sei. Man setzt auf:

Die Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache – von einer Mäßigung der iranischen Außen- und Innenpolitik kann keine Rede sein.

 

Globale Unterstützung für den Jihadismus


Die globale ideologisch-terroristische Mission des iranischen Regimes wurde 1979 in der Präambel der Verfassung der Islamischen Republik Iran festgeschrieben. Es sei der Auftrag von Armee und Revolutionsgarden, nicht nur für den Schutz der Außengrenzen des Landes zu sorgen, „sondern auch für die Erfüllung der ideologischen Mission des Jihad auf Gottes Weg; das heißt, die Ausbreitung der Souveränität des Gesetzes Gottes in der ganzen Welt“.

Von einer Relativierung dieser Mission kann auch unter dem seit 2013 amtierenden Präsidenten Rohani keine Rede sein. Das iranische Regime inspiriert und unterstützt seit 1979 weltweit sunnitische und schiitische Islamisten und Jihadisten wie die Hamas, die ägyptischen Muslimbrüder, Al Qaida oder das islamistische Militärregime im Sudan. Die Umbrüche in den arabischen Ländern interpretiert das iranische Regime propagandistisch als „Islamisches Erwachen“, das auch zur Ausbreitung des Islamismus im „Herzen Europas“ führen werde.

  • Im Irak hat die Politik der konfessionellen Spaltung des vom Iran gestützten schiitischen Islamisten Nuri al-Maliki gegen Kurden und Sunniten wesentlich zur Destabilisierung des Landes und zur Ausbreitung des Islamischen Staats (IS) beigetragen. Das iranische Regime ist durch die Einflussnahme auf Maliki also wesentlich mit verantwortlich für die Entstehung des IS. Diese Politik der Spaltung setzt sich unter Malikis Nachfolger Haider al Abadi prinzipiell fort.

  • Die Islamische Republik unterstützt im Irak massiv den Ausbau schiitischer Milizen parallel zur Armee, die dem IS an Brutalität nicht nachstehen. Direkt verantwortlich zeichnet Qassem Soleimani, der Chef der für Terroroperationen im Ausland zuständigen Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden. Soleimani agiert laut Medienberichten mittlerweile – unter Bruch von gegen ihn verhängten UN-Sanktionen - auch persönlich im Irak. Die Quds-Brigaden und die von ihnen kontrollierten irakischen Milizen werden auch für einen großen Teil der Terroropfer unter westlichen Truppen im Irak zwischen 2003 und 2011 verantwortlich gemacht. Der Name „Quds-Brigaden“ ist von der arabischen Bezeichnung 'al-Quds'  für Jerusalem abgeleitet und steht programmatisch für die gewaltsame, gegen Israel gerichtete Expansion der Islamischen Republik.
  • In Syrien hat das iranische Regime von Anfang an keine Kosten und Opfer zur Stützung seines Klienten Assad gescheut und ist damit maßgeblich mit verantwortlich für die unvergleichbare Brutalität im Krieg gegen die syrische Bevölkerung. Rohani sieht im Assad-Regime die „Frontlinie zur Bekämpfung des Zionismus“, die „keinesfalls geschwächt“ werden dürfe.
  • Im Libanon war die Islamische Republik von Anfang an aktiv und federführend an der Gründung der schiitisch-islamistischen Organisation Hisbollah (Partei Gottes) beteiligt. Ihre Mitglieder erkennen Ali Khamenei, den religiösen Führer des iranischen Regimes, als ihre höchste Autorität an. Durch ihre massive Intervention im syrischen Bürgerkrieg auf Seiten Assads gefährdet Hisbollah das prekäre Kräftegleichgewicht zwischen den Konfessionen im Libanon und befördert ein Übergreifen des syrischen Bürgerkrieges auf das Land.
  • Hisbollah war die erste arabische islamistische Organisation, die im Auftrag des iranischen Regimes Anschläge gegen westliche Ziele ausführte. Diese terroristische Teamarbeit erstreckt sich über alle Kontinente, hier einige ausgewählte Beispiele:
  1. Der Mordanschlag auf kurdisch-iranische Oppositionelle im Berliner Restaurant Mykonos 1992 wurde durch ein Team von iranischen und Hisbollah-Agenten ausgeübt.

  2. Die Anschläge auf die israelische Botschaft 1992 (23 Tote) und das jüdische Gemeindezentrum Asociación Mutual Israelita Argentina in Buenos Aires im Jahr 1994 (85 Tote) wurden in  ähnlicher libanesisch-iranischer Kooperation verübt. [1] Seit Jahrzehnten verüben iranische und Hisbollah-Agenten Anschläge auf israelische Zivilisten weltweit. Der Anschlag im bulgarischen Burgas im Juli 2012, bei dem der bulgarische Busfahrer und fünf Israelis starben, führte zur Aufnahme des sogenannten militärischen Flügels der Hisbollah auf die EU-Terrorliste im Juli 2013.
  • Das iranische Regime arbeitet ebenfalls mit sunnitischen Terrorgruppen zusammen, so ganz offen mit der Hamas. Erst während des jüngsten Gazakriegs dokumentierte Khamenei diese Kooperation durch ein Foto eines Treffens mit Hamas-Führer Meshaal auf seinem Twitter-Account. Es finden sich zahlreiche Hinweise auf eine langjährige Kooperation mit Al Qaida gegen westliche Terrorziele, die auch von Al Qaida- und ISIS-Kämpfern bestätigt wird.
  • In Afghanistan unterstützt das iranische Regime laut US-Verteidigungsministerium weiterhin die Taliban im Kampf gegen ISAF-Truppen.
  • Im Israel-Palästina-Konflikt setzt die Islamische Republik auf eine weitere Verschärfung: sowohl in den Drohungen gegenüber dem jüdischen Staat, als auch in der Unterstützung islamistischer Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah mit Raketen, die inzwischen auch in den englischsprachigen Medien des Regimes ganz offen gefeiert wird. Der oberste religiöse Führer Khamenei hat am 9. November 2014 einen Neun-Punkte-Plan zur Zerstörung Israels vorgelegt, der die terroristische Bewaffnung der West Bank „wie Gaza“ vorsieht. Ein ebenfalls im November im iranischen Fernsehen ausgestrahlter Propagandafilm zeigt eine Simulation der Zerstörung des Atomreaktors in Dimona und israelischer Städte durch iranische Langstreckenraketen.

In den Atomverhandlungen hat sich gezeigt, dass das Regime auf Zeit spielt, wie wir in unserem Policy Paper „Gaining Time“ im Mai 2014 darlegten. Trotz des Interimsabkommens mit den P5+1 gehen die atomaren Beschaffungsaktivitäten des Regimes im Westen weiter. Erst im November 2014 veröffentlichte das Deutsche Zollkriminalamt einen Bericht über iranische Versuche, in Deutschland illegal Material für den Bau von Atomwaffen zu besorgen.

Innenpolitisch ist es seit der Amtseinführung von Präsident Rohani keineswegs zu einer Entspannung gekommen. Die Menschenrechtssituation hat sich weiter verschärft. Das Rechtssystem der Islamischen Republik basiert auf der Scharia. Iran ist das Land mit den meisten Hinrichtungen pro Einwohner und die Zahlen sind seit Rohanis Amtseinführung weiter dramatisch gestiegen. In Isfahan wurden im Oktober 2014 Frauen mit Säure attackiert, eine althergebrachte Praxis islamischer Fundamentalisten gegen 'unislamisch' gekleidete Frauen. Die Hinrichtung der 26-jährigen Reyhaneh Jabbari, die für sich Notwehr gegen einen Vergewaltiger reklamierte, erregte weltweit Proteste.

 

Die Logik der iranischen Expansionspolitik


Die Machtausbreitung der Islamischen Republik gedeiht im Chaos. Sie übt prinzipiell Solidarität mit allen Islamisten, insofern es um deren antiwestliche Politik geht. Gleichzeitig stärkt die gegen säkulare Bewegungen und überkonfessionelle Kompromisse gerichtete Strategie der Spaltung entlang religiöser Linien den IS, da er den Sunniten nur die politische Perspektive lässt, zwischen sunnitischen und schiitischen Jihadisten zu wählen.

  • Diese Chaosstrategie wurde in Syrien vom iranischen Regime und Assad bewusst forciert, um die gesamte Opposition gegen ihren Herrschaftsanspruch als extremistisch zu delegitimieren und die religiösen und nationalen Minderheiten damit an Assads System zu binden. Im Irak gibt es ein ähnliches Vorgehen.

  • Selbst wenn daraus auch Unwägbarkeiten für das iranische Regime entstehen: die Politik der konfessionellen Spaltung bei gleichzeitiger prinzipieller Solidarität mit allen Jihadisten, sofern sie antiwestlich agieren, hat sich ausgezahlt: Der Westen und seine Verbündeten agieren momentan im Kampf gegen den IS de facto als Verbündete der Revolutionsgarden und der Hisbollah.

Obamas Syrienstrategie und seine Absage an einen Sturz Assads entspringt dem Willen, mit dem Iran zu einem Deal in der Atomfrage zu kommen. Das Bündnis gegen den IS wird sich in einer solchen Konstellation jedoch nicht lange aufrecht erhalten lassen, denn die sunnitischen Verbündeten des Westens werden auf Dauer keine Politik akzeptieren, die ausschließlich gegen sunnitische Extremisten vorgeht und gleichzeitig das iranische Regime stärkt.

 

Ausblick und Handlungsoptionen

Die erneute Verlängerung der Atomverhandlungen hat dem iranischen Regime nicht nur auf nukleartechnischer, sondern auch auf geopolitischer Ebene weitere Zeit für die zerstörerische Expansion seiner Macht gegeben.

  • Es war die Islamische Republik, die mit massiver Gewalt das Assad-Regime am Leben gehalten und den arabischen Frühling in Syrien zu einem Krieg entlang konfessioneller Grenzen gemacht hat. Mit diesem Regime kann es kein Bündnis gegen den Islamischen Staat geben - eine solche Konstellation würde die Gewalt im Mittleren Osten weiter eskalieren.

  • Die - im Wesentlichen vom iranischen Regime beförderte – Eskalation in Syrien und im Irak bedroht mittlerweile über den Pendelverkehr deutscher und europäischer Jihadisten in die Kampfgebiete unmittelbar die innere Sicherheit in der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Ländern.

  • Die einzige Perspektive für Europa und die USA, die Region auf Dauer zu stabilisieren und zu befrieden, besteht in einem Bündnis mit allen moderaten Kräften vor Ort, die an Deeskalation und überkonfessioneller Kooperation interessiert sind, gegen den sunnitischen Jihadismus und die iranische Terrorpolitik. Eine solche Koalition muss die syrischen moderaten Rebellen gegen Assad, die Kurden und die antitheokratische iranische Opposition beinhalten.

 

Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB)
Dezember 2014
 

Kontakt:
Andreas Benl
Senior Fellow, Head of Iran Research

Michael Spaney
Executive Director

Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB)

Mail: benl(at)mideastfreedomforum(dot)org
Mail:
spaney(at)mideastfreedomforum(dot)org             

 


 

[1] Matthew Levitt: Hezbollah: The Global Footprint of Lebanon's Party of God, Washington 2013, S.75ff